9. Nationaler Qualitätskongress Gesundheit

Plenum des 9. Nationalen Qualitätskongresses Gesundheit

Rückblick auf den 9. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit

Der 9. Nationale Qualitätskongress Gesundheit am 03. und 04.12.2015 in Berlin stand ganz im Zeichen der Qualitätsoffensive der Bundesregierung für das Gesundheitswesen. Intensiv diskutierten die 543 Teilnehmer das jüngst verabschiedete Krankenhaustrukturgesetz. Dieses Gesetz ist als „Paradigmenwechsel im deutschen Gesundheitswesen zu mehr Qualität“ zu bewerten, so Kongresspräsident Ulf Fink.  Drei Maßnahmen des zum 01.01.2016 in Kraft tretenden Gesetzes sind aus seiner Sicht wesentlich:  

1. Neben den bisherigen Zielkriterien der Krankenhausversorgung  – bedarfsgerecht, leistungsfähig und  wirtschaftlich – werden nunmehr als Zielbestimmungen „qualitativ hochwertig“ sowie „patientengerechte Versorgung“ aufgenommen. Diese Erweiterungen werden bei der Normierung von Mindestmengen für medizinische Leistungen eine rechtssichere Ausgestaltung erleichtern. Mit der Zielerweiterung geht eine Stärkung der  Patientensicherheit im Vergleich zur freien Berufsausübung einher.    

2. Qualitätsabschläge auf Grund eines unzureichenden Qualitätsniveaus werden nicht dauerhaft toleriert. Der Gesetzgeber hat eine Frist von drei Jahren gesetzt. Sollten innerhalb dieser Frist Qualitätsmängel nicht beseitigt werden, erfolgt ein Vergütungsausschluss, so dass die Leistungen oder Leistungsbereiche in der Regel vom Markt genommen werden müssen.  

3. Krankenhäuser, die vorgesehene Qualitätsvorgaben nicht nur vorübergehend in einem erheblichen Maß nicht erfüllen, dürfen nicht in den Krankenhausplan aufgenommen werden.

Das Krankenhausstrukturgesetz geht davon aus, dass Qualität im Gesundheitswesen steuerbar ist. Das  „Marktversagen im Gesundheitsbereich“ wird sich zukünftig nach der Qualität und nicht nach dem wirtschaftlichen Erfolg bemessen, betonte Ulf Fink. Es komme jetzt entscheidend auf die Umsetzung an. Letzten Endes ist die Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen ein lernendes System. „Wir müssen dies akzeptieren und erkennen, dass es einen perfekten Endzustand nicht gibt. Es bedarf immer der Überprüfungen, Weiterentwicklungen und auch Nachjustierungen, wenn es zu Fehlsteuerungen kommt“, sagte Ulf Fink.  Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, Annette Widmann-Mauz, warb für Umsicht bei der Umsetzung der Qualitätsoffensive. Dr. Christof Veit,  Direktor des Instituts für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG), kündigte für Frühjahr 2016 die Vorstellung erster QS-Indikatoren für die Krankenhausplanung an.       

Planungsrelevante Qualitätsindikatoren und qualitätsabhängige Finanzierung

Bei der Umsetzung des Krankenhausstrukturgesetztes stehen zwei Komplexe im Vordergrund: die Ausgestaltung planungsrelevanter Qualitätsindikatoren für die Krankenhausplanung der Länder und Entwicklung eines qualitätsorientierten Systems von Zu- und Abschlägen der Krankenhausentgelte.   
Dr. Matthias Gruhl, Leiter des Amtes für Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg, betonte, dass sich QS-Indikatoren für die Krankenhausplanung auf das gesamte Krankenhaus, eine Abteilung oder auf einzelne Leistungsbereiche beziehen können. Er geht davon aus, dass die Indikatoren so entwickelt werden, dass sie rechtssicher sind und von den Ländern angewendet werden können.  Sinnvoll sind bundesweit einheitliche Qualitätsvorgaben, so Dr. Boris Robbers, Leiter des Referats Krankenhäuser im niedersächsischen Gesundheitsministerium. Der Facharztstandard, der vorsieht, dass bestimmte Behandlungen nur ausgeführt werden dürfen, wenn sie objektiv den Kenntnissen und Erfahrungen eines Facharztes entsprechen, sei bereits ein Merkmal für Strukturqualität. Perspektivisch wird es Krankenhäusern in ländlichen Regionen zunehmend schwer fallen, diesen Facharztstandard für alle Leistungsbereiche sicherzustellen, da wahrscheinlich nicht mehr ausreichend Fachärzte für ländliche Regionen gewonnen werden können.     

Bei der Entwicklung qualitätsorientierter Zu- und Abschläge müssen nach Auffassung von Prof. Matthias Schrappe alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, Umsetzungsfehler zu vermeiden. Darunter fallen besonders Fehlsteuerungen, die zur Risikoselektion führen. Es müsse vermieden werden, dass Kliniken mit Vergütungsabschlägen konfrontiert werden, nur weil sie hochkomplexe Leistungen anbieten. „Die Risikoadjustierung wird zu einer zentralen Herausforderung für die qualitätsorientierte Vergütung“, betonte Schrappe. Ein Weg kann sein, Prozessindikatoren und patientenrelevante Kennziffern zur Qualitätsmessung heranzuziehen und den Anteil von Ergebnisindikatoren bei P4P eher gering zu halten. Rund sechs Prozent der Medicare-Einnahmen in den USA werden über P4P ausgegeben; dies ist ein Anteil, der für die Krankenhausvergütung in Deutschland vorstellbar sei.    

Qualitätssicherung beim Entlassungsmanagement

Erneut war beim Nationalen Qualitätskongress Gesundheit das Entlassungsmanagement ein wichtiges Thema. Wer über Qualität im Gesundheitswesen redet, kommt an der Schnittstelle ambulant / stationär nicht vorbei. Nach dem Willen des Gesetzgebers soll zukünftig ein „Qualitätsgesichertes Entlassungsmanagement“ durchgeführt werden, um die hinlänglich bekannten Probleme beim Übergang aus dem Krankenhaus in die ambulante Versorgung abzustellen. Versorgungsprobleme entstehen, weil die Weiterbehandlung durch niedergelassene Ärzte, ambulante Pflegedienste oder Physiotherapeuten nicht geregelt ist. Weiter fehlen den Patienten oft Medikationslisten, und der Arztbrief liegt häufig am Tag der Entlassung nicht vor, obwohl dieser wichtige Informationen für den weiterbehandelnden Arzt enthält. 

Dass das nicht nur subjektiv so ist, hat das AQUA-Institut in einer detaillierten Versorgungsanalyse belegt. „Die Wartezeiten auf ein Rezept oder eine Anschlussbehandlung sind immer noch viel zu lang“, betonte AQUA-Geschäftsführer Prof. Dr. Joachim Szecsenyi auf dem Kongress. Das AQUA-Institut entwickelt im Auftrag des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA) ein QS-Verfahren für ein Entlassungsmanagement. Es wird neben der Analyse der Qualitätsdefizite konkrete Qualitätsziele und auch konkrete Handlungsempfehlungen enthalten. Die Praxis zeigt, dass so etwas längst überfällig ist. Das Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VStG) hat dies noch nicht bewirken können. Dort ist festgelegt,  dass Prinzip jeder Patient einen Anspruch auf ein regelrechtes Entlassungsmanagement hat. Doch das wurde von den Krankenhäusern bislang aus Personalnot bislang nicht umgesetzt.

„Um Versorgungskontinuität sicherzustellen, braucht es eine gute Kooperation zwischen ambulant und stationär“, sagte Szecsenyi. Es wäre falsch, ein gutes Entlassungsmanagement nur auf den stationären Bereich zu reduzieren. Die ehemalige Präsidentin des Deutschen Pflegerats Marie-Luise Müller forderte einen hauptberuflichen Entlassungsmanager im Krankenhaus, der sich um nichts anderes kümmern sollte. Diese Person sollte gute Kontakte zu den Kassen, Pflegediensten Rehaeinrichtungen und zum ambulanten Bereich pflegen. „Das ist keine Aufgabe für nebenbei“, sagte Müller.

Das GKV-VStG erlaubt Krankenhäusern, bis zu sieben Tage nach der Entlassung Medikamente verordnen zu können. „Das ist ein großer Fortschritt“, sagte der Berliner Kinderarzt und IT-Experte Joachim Meyer zu Wendischhoff. Er erläuterte, dass die Medikationsliste künftig auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden soll und sowohl Ärzte, Krankenhäuser als auch Apotheken Zugriff darauf haben werden. 

Clostridium difficile-Infektionen – zunehmende Bedrohung in Krankenhäusern

Ein Symposium des Kongresses beschäftigte sich mit den rund 100.000 CDI-Fällen in deutschen Kliniken. „Menschen, die im Krankenhaus mit Antibiotika behandelt werden, haben ein hohes Risiko, an CDI zu erkranken“, sagte Prof. Hans Heppner, Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten / Herdecke. Die Folgen der Infektionen können starke Durchfälle und schmerhafte Darmentzündungen sein. Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, betonte, dass CDI-Fälle in Deutschland kontinuierlich zunehmen. „Sie sind inzwischen ein viel größeres Problem als Infektionen mit MRSA-Bakterien“, sagte Prof. Gastmeier. Die Experten beim Nationalen Qualitätskongress Gesundheit forderten einen sorgsamen Umgang mit Antibiotika, eine konsequente Umsetzung von Hygienestandards und die Auswahl der geeigneten Behandlungstherapie ein, um die Anzahl der CDI-Fälle zu reduzieren.       

Hedwig François-Kettner erhält den Deutschen Qualitätspreis Gesundheit 2015

Die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), Hedwig François-Kettner, ist „eine maßgebliche Fürsprecherin der Patientensicherheit in Deutschland“. Diese Einschätzung vertrat der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja bei der diesjährigen Opens internal link in current windowVerleihung des Deutschen Qualitätspreises Gesundheit. Der Deutsche Qualitätspreis Gesundheit wird gemeinsam von Gesundheitsstadt Berlin und Der Tagesspiegel gestiftet und ist mit 10.000 Euro dotiert.  

„Das Aktionsbündnis Patientensicherheit setzt sich unter Führung von Hedwig François-Kettner für eine sichere Gesundheitsversorgung ein und widmet sich der Erforschung, Entwicklung und Verbreitung dazu geeigneter Methoden“, sagte Czaja. In 2015 hat das APS mit den Schweizer und Österreicher Organisationen zum ersten Mal den Internationalen Tag der Patientensicherheit ausgerufen, an dem sich 185 Einrichtungen und Institutionen allein in Deutschland beteiligten. Die Zusammenarbeit dient dem fachlichen Austausch sowie der Vorbereitung und Durchführung von Aktionen und Kampagnen zur Verbesserung der Patientensicherheit in Deutschland.

Eine der bekannten und sehr erfolgreichen Kampagnen des APS war und ist die „Aktion Saubere Hände“. „Unter Ihrem Vorsitz gelingt es zunehmend, schwierige Themen zu benennen, sie konstruktiv zu bearbeiten und Lösungen zuzuführen. Die Entwicklungen zu mehr Patientensicherheit zeigen sich in einem stetigen Mitgliederzuwachs und in den Ergebnissen des vom APS geförderten einzigen Lehrstuhls für Patientensicherheit in Deutschland. Sie sind als APS international anerkannt und werden insbesondere von den Praxisbereichen sehr geschätzt“, betonte Czaja. 

Der Gesundheitssenator hob in seiner Würdigung der Preisträgerin zudem ihre Verdienste als Pflegedirektorin der Charité hervor. Sie hat nach der Fusion der drei  Berliner Unikliniken 2003 die Integration der 4.100 Pflegekräfte der Charité herausragend gemeistert. 

Am 9. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit am 03. und 04. Dezember 2015 in Berlin nahmen 543 Entscheider von Krankenhäusern, Kassen, Verbänden, Politik und Industrie teil. In 30 Symposien mit 140 Referenten diskutierten sie über die Umsetzung des Krankenhausstrukturgesetzes,   Krankenhaushygiene, Qualitätsmanagement und Qualitätsmessung, Patientensicherheit, Personal und Führung sowie die Qualitätssicherung in einzelnen medizinischen Feldern. Der 10. Nationale Qualitätskongress Gesundheit wird am 01. und 02. Dezember 2016 in Berlin stattfinden.     


Verantwortlich:
Dr. Franz Dormann
Geschäftsführer Gesundheitsstadt Berlin GmbH / e.V.