Nationaler Qualitätskongress Gesundheit
mit Livestreams

Gesundheitssystem unter Stress: Jetzt Handeln, statt nur Reden

Zusammenfassung der Eröffnungsveranstaltung 15. Nationaler Qualitätskongress Gesundheit

Nach fast zwei Jahren Pandemie liegen die Nerven im Gesundheitswesen blank. Tausende Pflegekräfte haben in den vergangenen Monaten ihren Job verlassen. Wie kommen wir aus der Krise heraus und vor allem: Wie geht es danach weiter? Der 15. Nationale Qualitätskongresses Gesundheit versucht, Antworten zu finden. 

Lange Warteschlangen vor den Impfzentren, überlastete Intensivstationen, ein Gesundheitsminister, der sich selbst korrigieren muss – täglich zeigen uns Bilder, wie Deutschland der Pandemie hinterherläuft. In Italien glauben einige Menschen sogar, die Berichte aus Deutschland seien Fake-News. „Der Glaube ist erschüttert, wir seien ein gut organisiertes Land“, sagte Kongresspräsident Ulf Fink, als er den 15. Nationalen Qualitätskongress in Berlin unter 2G plus Bedingungen eröffnete. „Nach fast zwei Jahren Pandemie müssen wir feststellen, dass wir mit unseren Maßnahmen immer zu spät waren“, fuhr er fort. „Dies ist ernüchternd und deprimierend mit Blick auf eine notwendige präventive Gesundheitspolitik und Krisenvorsorge.“

Pflegekrise so schlimm wie nie 

Schon vor der Krise gab es einen gravierenden Pflegekräftemangel. Nun spitzt sich die dramatische Lage zu. Im Laufe des letzten Jahres haben Tausende Pflegekräfte wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen ihren Job geschmissen. Wie andere Kliniken auch hat der Klinikkonzern Vivantes im Vergleich zur dritten Welle 20 Prozent seiner Intensivkapazitäten verloren, weil Pflegepersonal gegangen ist. Man werde nun wieder Personal von anderen Stationen holen und kurzfristig für die Intensivpflege anlernen müssen, erklärte Vivantes-Geschäftsführer Dr. Johannes Danckert. „Die Frustration ist groß“, sagte er, der Frust ziehe sich aber nicht nur durch die Pflege, „sondern durch alle Berufsgruppen.“

Gerade hat Vivantes einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft verdi abgeschlossen, in dem sich der Konzern verpflichtet, 1.500 zusätzliche Pflegekräfte einzustellen. Es sei klar, dass dies angesichts eines Fachkräftemangels im sechsstelligen Bereich schwierig werden würde, meinte Danckert. Hochgerechnet auf ganz Deutschland würde diese Zahl 200.000 neue Pflegerinnen und Pfleger bedeuten. „Wir werden natürlich nichts unversucht lassen“, betonte der Vivantes-Chef und nannte Maßnahmen wie Rekrutierungskampagnen und das Werben mit besseren Arbeitsbedingungen. 

Koalitionsvertrag enthält gute Punkte 

Hoffnung machen einige Pläne aus dem neuen Koalitionsvertrag. Danach soll zum Beispiel der Bund eine Milliarde Euro für den „herausragenden Einsatz der Pflegekräfte während der Pandemie“ zur Verfügung stellen. 3.000 Euro vom Pflegebonus bleiben steuerfrei. Neben finanziellen Anreizen wollen die Koalitionäre „die Arbeitsbedingungen spürbar verbessern“, etwa durch die Einführung trägereigener Springerpools oder einen Anspruch auf familienfreundliche Arbeitszeiten. 

Lockt man damit zumindest einen Teil der 330.000 Pflegekräfte, die in den letzten 25 Jahren ihren Beruf verlassen haben, zurück auf die Stationen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen?, fragte Moderator Dr. Franz Dormann. Die Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerats Annemarie Fajardo ist skeptisch. „Es wäre toll, wenn die zurückkommen würden“, sagte sie. Aber Geld allein und Versprechungen seien nicht die alleinige Lösung. „Wir reden erst seit ein paar Jahren über bessere Arbeitsbedingungen“, sagte sie. Es fehlten aber noch harte Fakten, etwa dazu, was die Personaluntergrenzen tatsächlich an Entlastung bringen würden. Wissenschaftliche Auswertungen fehlten noch. „Nur erzählen, dass alles besser wird, reicht nicht, wir brauchen Studiendaten, um unsere Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen“, forderte Fajardo. Und dann fügte sie noch eine düstere Prognose hinzu: „Wir verlieren aufgrund unserer fehlenden Glaubwürdigkeit auch weiter Kollegen“, sagte sie. „An diesem Punkt sind wir gerade.“

Mehr in den ambulanten Sektor verlagern 

Nach offiziellen Schätzungen wird es 2030 in Deutschland 20 Prozent weniger Pflegekräfte geben. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der Pflegebedürftigen um 20 Prozent. Aus Sicht von Dr. Jürgen Malzahn, Abteilungsleiter Stationäre Versorgung beim AOK Bundesverband, gibt es dafür nicht die eine schnelle Lösung. Jedoch könnte eine Reihe von Maßnahmen ergriffen werden, etwa die Verlagerung bestimmter Versorgungsleistungen in Schwerpunktzentren oder die Ambulantisierung von Klinikleistungen. „Das kann man schnell umsetzen, die rechtlichen Grundlagen haben wir“, sagte Malzahn. 

Für Letzteres spricht, dass in anderen EU-Staaten viel mehr Behandlungen ambulant erfolgen. Deutschland hat hingegen die meisten Krankenhausbetten. Damit gibt es zwar hierzulande auch mehr Pflegekräfte pro Kopf als anderswo, aber nicht genug pro Bett. Das Problem sei, dass in Deutschland zu viel stationär behandelt werde, befand Johannes Danckert und schloss sich dem Experten von der AOK an: „Wir müssen etwas an den Versorgungsstrukturen ändern.“

Mindestmengen verfehlen Ziel 

Versuche, etwa mit Mindestmengen Patienten in Schwerpunktkliniken zu steuern, greifen indes nicht. Nach einer Studie des Bundeskartellamts machen Knie-Endoprothesen den größten Anteil an regulierten Leistungen aus, dennoch bieten drei Viertel der befragten Krankenhäuser die Knieoperation an. „Die Wirkung der Regulierung scheint also sehr begrenzt zu sein“, kommentierte Annette Bangard, Vorsitzende der 3. Beschlussabteilung des Bundeskartellamtes, das Studienergebnis. Dazu unterliege nur ein kleiner Teil der Krankenhausleistungen der Mindestmengenregelung, nämlich noch nicht einmal zwei Prozent. 

Mindestmengen seien auch kein Instrument zur Krankenhausbereinigung, „sondern haben etwas mit Qualität zu tun“, entgegnete Karin Maag, Unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Eine schnelle Mindestmengenausweitung ist schwierig. „Das Ganze muss wissenschaftlich erarbeitet werden, das dauert seine Zeit.“ 

Digitalisierung des Gesundheitswesens birgt enorme Potenziale 

Während der Strukturwandel nicht richtig in die Gänge kommt, steht das Gesundheitssystem mehr denn je unter Stress. Nach Auskunft von Dr. Anke Diehl liegen auch am Universitätsklinikum Essen inzwischen die Nerven blank. Einen positiven Aspekt habe die Pandemie dennoch gebracht. „Einen Schub für die Digitalisierung.“ Die Technik sei da, sagte die Leiterin Stabsstelle Digitale Transformation, nun müssten auch alle Akteure mitgenommen werden – vom Physiotherapeuten über die Krankenschwester bis zum Oberarzt. Einen Widerstand in der Ärzteschaft sieht sie nicht, sehr wohl aber Versäumnisse in der Aufklärung der Patienten. Den Versicherten müsse erklärt werden, welche Vorteile die elektronische Patientenakte habe, meinte Diehl. Real-World-Daten könnten Wissenschaft, Versorgung und Prävention enorm weiterbringen, wenn man sie denn zusammenführe. „In der digitalen Transformation steckt so viel Potenzial. Das müssen wir jetzt nutzen.“

Mit dem Digitalpakt Gesundheit hat der Bund die Weichen dafür gestellt. Drei Milliarden Euro stehen den Kliniken bis 2023 zur Verfügung, um in Digitalisierung und IT-Sicherheit zu investieren. Der Wermutstropfen: Etwa zehn Prozent der Investitionssumme gehen anschließend für Wartung und Instandhaltung drauf – Kosten, die die Kliniken schwer belasten werden. 

Letzter Ausweg Impfen 

Dass Deutschland durch mehr Digitalisierung besser durch die Krise gekommen wäre, ist verschüttete Milch. Aktuell geht es darum, mehr Menschen zu impfen. Dr. Martin Fensch, Geschäftsführer von Pfizer Deutschland, glaubt, dass da durchaus noch etwas machbar ist. Zwei Drittel der 30 Prozent noch nicht Geimpfter seien skeptisch, aber keine Impfgegner. „Mit einer unaufgeregten und sachlichen Kommunikation, verständlichen Argumenten und barrierefreien Impfangeboten, können wir ganz sicher noch die Trittzahl erhöhen.“ Einen Impftermin übers Internet zu buchen, sei für viele zu umständlich, konkretisierte Fensch. „Aber die Impfstelle bei Ikea findet jeder.“ Er plädierte auch dafür, Apotheken einzubinden, „die wollen und die können das.“

Angesichts der dramatischen Lage in den Krankenhäusern sprachen sich Pflegerat-Vize-Präsidentin Fajardo und Vivantes-Geschäftsführer Danckert für eine allgemeine Impfpflicht aus. Die würde vielleicht sogar die Akzeptanz erhöhen und auf jeden Fall das Gesundheitssystem entlasten. Nicht immer alles zerreden, hieß es, „sondern einfach mal machen.“

Text: Beatrice Hamberger


 

Eröffnungsrede von Ulf Fink, Senator a.D., am 25.11.2021

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 15. Nationale Qualitätskongress Gesundheit heute und morgen findet als Präsenzveranstaltung unter 2G plus statt. Bitte achten Sie während des Kongresses auf die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln.

Um ehrlich zu sein: Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir in Deutschland nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie in einer so dramatischen nationalen Notlage sind.

Die Pandemie ist eine globale Gesundheitskrise. Es ist aber auch eine gesellschaftliche Krise, die geprägt ist davon, dass sich Menschen partout nicht impfen lassen wollen. Es ist eine Krise der Politik, gekennzeichnet durch mangelnde Führungskraft und ermüdende Debatten. Zu keinem Zeitpunkt wurde so konsequent gehandelt, dass wir eine Kontrolle über das Infektionsgeschehen gewonnen hätten. Nach fast zwei Jahren Pandemie müssen wir feststellen, dass wir mit unseren Maßnahmen immer zu spät waren. Dies ist ernüchternd und deprimierend mit Blick auf eine notwendige präventive Gesundheitspolitik. Diese fehlende Akzeptanz für Prävention und Krisenvorsorge wird uns mit Blick auf den Klimawandel noch sehr fordern.  

Der Glaube ist erschüttert, wir seien ein gut organisiertes Land. Wenn in Italien über die derzeitige Situation in Deutschland berichtet wird, glauben dort viele Menschen, dies seien Fake-News. So etwas kann es – so die Auffassung in Italien - im gut organisierten Deutschland nicht geben. Die Pandemie zeigt schonungslos eine erhebliche Dysfunktionalität unseres öffentlichen Handelns auf. Wir sind zu bürokratisch, zu langsam und zu wenig effizient. Digitale Instrumente, die andere Länder selbstverständlich zur Eindämmung der Pandemie nutzen, fehlten bei uns ganz oder gegen die Einführung gibt es immer noch erhebliche Widerstände.    

Meine Damen und Herren: Es kann so nicht weitergehen! Die jetzt beschlossenen Maßnahmen beispielsweise zu 3G am Arbeitsplatz, zu 2G beim Besuch öffentlicher Einrichtungen und zum Teil-Lockdown etwa in Sachsen und Bayern sind richtig, aber nicht ausreichend. Sie kommen zu spät, um die Überlastung des Gesundheitssystems abzuwenden. Schon jetzt werden medizinische Leistungen in den Kliniken priorisiert und die gesamte Regelversorgung wird heruntergefahren. Für Patienten, die jenseits von Corona auf Behandlungen angewiesen sind, ist das unerträglich. Wenn es in den nächsten Tagen nicht gelingt, die Inzidenzen mindestens zu stabilisieren und zu senken, müssen wir erneut ganz einschneidende Kontaktreduzierungen vornehmen.

Deshalb bin ich - nach Abwägung aller Argumente – davon überzeugt, dass wir eine allgemeine Impfflicht brauchen, um unsere Freiheit wieder zu erlangen. Wir brauchen Impfquoten von 90 Prozent und mehr, gerade bei den vulnerablen Gruppen, um diese Seuche wirkungsvoll einzudämmen.

Andere Länder machen uns gerade vor, dass hohe Impfquoten der einzige Weg aus der Pandemie sind. Wir werden das Thema einer Impfflicht im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung noch vertiefen.    

Die Corona-Pandemie überlagert jetzt alles. Aber wir müssen auch über die Zukunft unseres Gesundheitssystems insgesamt nachdenken. Erste Ergebnisse aus den Koalitionsverhandlungen sind jetzt bekannt geworden. Meines Erachtens ist nicht so recht erkennbar, welche grundlegenden Strukturreformen etwa für mehr Qualität und Patientensicherheit, für mehr Pflegepersonal, zur Reform der stationären Versorgung oder zur durchgreifenden Digitalisierung und Finanzierung des Systems umgesetzt werden sollen.

Sicher wird sich die neue Bundesregierung mit der Finanzierung des Gesundheitssystems und insbesondere des stationären Sektors beschäftigen müssen. Das DRG-System hat zu einer Reihe von Fehlanreizen geführt. Es ist nicht an der Qualität der medizinischen Versorgung ausgerichtet und hat auch mit zum Pflegenotstand beigetragen.

Es wäre zu überlegen, das leistungsbezogene Entgeltsystem – basierend auf Diagnose und Behandlungsaufwand - um messbare Kriterien der Qualität und des Patientenwohls zu erweitern. Denkbar wäre es beispielsweise, positive Outcome-Kriterien wie Schmerzlinderung, Fitness und Mobilität in die Vergütung einzubeziehen. Dann würde aus der diagnosebezogenen eine patientenbezogene Vergütung, die den Behandlungserfolg mitberücksichtigt. Im Übrigen lohnt es sich dann für jede Klinik, in Qualität zu investieren und mit einer besseren Qualität auch höhere Erlöse zu erzielen.      

Qualitätswettbewerb ist nicht nur eine Frage der Vergütung, sondern auch von der Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen zwischen den Kliniken abhängig. Deshalb beginnen wir heute den Kongress mit der Vorstellung einer interessanten Studie des Bundeskartellamtes zur Fusionskontrolle im Klinikbereich als Garant für Wettbewerb und Qualität. Frau Annette Bangard, im Bundeskartellamt für diese Studie verantwortlich, wird uns die Ergebnisse präsentieren.

Die Mitwirkenden der anschließenden Podiumsdiskussion wird Ihnen Herr Dormann vorstellen.

Ich möchte mich ganz besonders bei Ihnen bedanken, dass sie zu diesem Kongress gekommen sind und die geänderten 2 G Plus-Regeln akzeptieren. Mein Dank geht auch an die Sponsoren und Partner des Kongresses, die erneut diesen Kongress unterstützen.  



 

 

    

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