Nationaler Qualitätskongress Gesundheit
mit Livestreams

    

Eröffnungsrede von Ulf Fink, Senator a.D., am 26.11.2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 14. Nationale Qualitätskongress Gesundheit heute und morgen findet ausschließlich digital statt. Die Corona-Pandemie lässt uns keine andere Wahl. Aber ich möchte sehr deutlich sagen: Ich hätte Sie alle sehr gerne auf diesem Kongress persönlich getroffen. Das Gesundheitssystem mit seinen vielen Akteuren lebt in besonderer Weise vom persönlichen Austausch und von Kongressen. Viele gute Ideen und Konzepte zur Gesundheitspolitik sind erstmals auf Kongressen vorgestellt worden. Ich hoffe sehr, dass wir uns beim 15. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit am 25. und 26.11.2021 wieder persönlich sehen werden.  

Viele Themen zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems werden durch die Corona-Krise überlagert. Hierzu gehört auch die mit dem Krankenhausstrukturgesetz der letzten Legislaturperiode in Angriff genommene qualitätsorientierten Ausrichtung des stationären Sektors. Die Ausweitung von Mindestmengen, eine verstärkte Zentrenbildung in Ballungsgebieten oder die Fortentwicklung des Entgeltsystems durch qualitätsorientierte Zu- und Abschläge sind gerade kein großes Thema. Dabei wissen wir, dass Reformen im stationären Sektor unabdingbar sind, um leistungsfähige Kliniken zu stärken und zu erhalten. Wiederholt ist auf diesem Kongress beispielsweise vorgetragen worden, dass das pflegerische und medizinische Personal auf zu viele Kliniken aufgeteilt ist. Wir haben in Deutschland mehr Klinikpersonal pro Einwohner als vergleichbare EU-Länder, aber pro Patient weniger Pflegekräfte. Diese Qualitätsdefizite zeigen sich jetzt auch in der Corona-Pandemie: Es fehlt nicht an Intensivbetten, sehr wohl aber an qualifiziertem Pflegepersonal. 

Qualitätsorientierung als grundlegende Leitidee für das Gesundheitssystems geht immer mit der Stärkung von Innovationen einher. Wenn die Not groß ist, gelingt uns dies wider Erwarten sogar recht schnell in Deutschland. Ein Beispiel ist die Digitalisierung der Kliniken. Mehrfach haben wir auf dem Nationalen Qualitätskongress Gesundheit einen Digitalpakt für die Kliniken gefordert. Vor dem Hintergrund der Pandemie ging es jetzt ganz schnell. Mehr als vier Milliarden Euro sind für die Digitalisierung der Kliniken vorgesehen, überwiegend vom Bund finanziert. In welchen Bereich des Gesundheitssystems wir auch schauen: Eine qualitativ gute Medizin ist ohne die strukturierte Nutzung von Daten nicht möglich. Was wäre es für ein Fortschritt, wenn bei der Notfallversorgung von Patienten in Kliniken alle relevanten medizinischen Daten bei Aufnahme digital abrufbar wären. Dies gilt nicht nur für Covid-19 Patienten, sondern etwa auch bei Herzinfarkt oder Schlaganfall. Wie viele Medikationsfehler könnten vermieden werden, wenn es in allen Kliniken ein digitales Medikationsmanagement geben würde? Und was wäre an zusätzlicher Patientensicherheit gewonnen, wenn die Kliniken in Punkto Cyber-Security auf dem neuesten Stand wären? Das Krankenhauszukunftsgesetz ist mit Blick auf die Digitalisierung der Kliniken ein herausragender Meilenstein.

Ein weiteres Beispiel ist die Impfstoffentwicklung gegen Corona. Noch nie wurden in so kurzer Zeit so viele Projekte aufgesetzt. Mit der mRNA-Technologie von BionTEch und CureVac gibt es zwei großen Erfolg versprechende Ansätze aus Deutschland. Zwar wird an dieser transformativen mRNA-Technologie bereits rund 20 Jahre geforscht, vor allem mit Blick auf die Krebsmedizin. Aber die erheblichen Ressourcen, die seit fast einem Jahr in diese Projekte fließen, haben die Impfstoffentwicklung sehr beschleunigt. Wir müssen aus diesen Erfolgen die richtigen Schlüsse ziehen! Innovationsförderung in der Medizin ist eine dauerhafte Aufgabe! Wir dürfen uns aus der Impfstoffentwicklung in Deutschland - wie nach SARS oder MERS - nicht wieder zurückziehen. Mit Blick auf eine verbesserte Resilienz vor weiteren Pandemien wäre das grob fahrlässig. 

Wir brauchen zudem Innovationen im öffentlichen Gesundheitsdienst und im Bereich Public Health insgesamt. Die große Aufgabe, vor der wir stehen, ist es die Menschen für ein stärkere präventive Lebensweise zu gewinnen. Konzeptionell ist „One Health“ der richtige Ansatz. Dies bedeutet, dass präventiver Gesundheitsschutz die Bekämpfung des Klimawandels einbeziehen muss. Zoonosen, das Überspringen von Viren von Wild- auf Nutztiere und den Menschen, werden durch den Klimawandel enorm begünstigt. Jeder kann durch sein eigenes Konsum- und Mobilitätsverhalten einen positiven Beitrag leisten. Prävention muss sich sehr viel stärker als bislang um Verhaltensprävention kümmern. Das hat nichts mit Bevormundung oder Freiheitseinschränkungen zu tun. Die Pandemie ist eine Naturkatastrophe, der Klimawandel eine noch größere Bedrohung. Wir müssen den Klimawandel um unserer aller Ge-sundheit willen sehr viel ernster nehmen. Den Akteuren im Gesundheitssystem kommt hier im Übrigen eine besondere Verantwortung zu. 

Der öffentliche Gesundheitsdienst als zentraler Bestandteil von Public Health wurde in den letzten Jahren sehr vernachlässigt. Ende 2019 gab es im öffentlichen Gesundheitsdienst noch rund 2.500 beschäftigte Ärzte, ca. 1.000 weniger als im Jahre 1990. Das letzte Präventions-gesetz hat den ÖGD nicht gestärkt; die gesamtgesellschaftliche Aufgabe Prävention wurde wesentlich in die Verantwortung der Sozialversicherungsträger gegeben. Die Digitalisierung und IT-Ausstattung des ÖGD war neben der Personalsituation beim Ausbruch der Corona-Krise desolat. Es ist im digitalen Zeitalter ohnehin nicht erklärbar, warum die Unterbrechung von Infektionsketten nicht sehr viel stärker digital umgesetzt wird. Zum Glück hat die Bundes-regierung auch hier reagiert und stellt mit dem „Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst“ vier Milliarden Euro zur Verfügung.    

Wir sind froh, bei der Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2 auch in Deutschland erfolgreich zu sein. Deshalb freue ich mich sehr, dass Herr Dr. Friedrich von Bohlen zugesagt hat, zum Stand der Entwicklung eine Einführung zu geben. Er ist Mitglied des Aufsichtsrates, CureVac AG in Tübingen und Geschäftsführer der dievini Hopp BioTech holding GmbH. 

Besonders bedanken möchte ich mich bei unseren Sponsoren, die uns trotz der schwierigen Situation bei der digitalen Umsetzung des 14. Nationalen Qualitätskongresses Gesundheit unterstützen.

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