Nationaler Qualitätskongress Gesundheit
mit Livestreams
Prof. Dr. Joachim Szecsenyi

Prof. Dr. Joachim Szecsenyi

Seniorprofessor, Abt. Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Heidelberg; Geschäftsführer aQua-Institut, Göttingen

  • seit 2001 Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg und seit 1995 Geschäftsführer des Göttinger AQUA-Instituts. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Qualitätsindikatoren und Qualitätsförderung im Gesundheitswesen, Versorgung chronisch Kranker und Multimorbidität, Patientenperspektive und Patientensicherheit sowie ärztliche Weiterbildung und Interprofessionalität
  • 1994 bis 2001 niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in Bremke bei Göttingen

 

Drei Fragen an Prof. Dr. Joachim Szecsenyi

Die gesundheitspolitische Debatte über eine Reform der Notfallversorgung läuft seit vielen Jahren auf Hochtouren. Was hat sich in den letzten Jahren getan?

Eine umfassende Reform der Notfallversorgung – wie Sie bereits von der letzten großen Koalition geplant war – ist bis dato nicht erfolgt. Stattdessen wurden auf gesetzlicher und untergesetzlicher Ebene allerdings einige Vorhaben umgesetzt, die die Ausgestaltung der Akut- und Notfallversorgung an verschiedenen Stellen beeinflusst haben. Beispielhaft sind hier das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) zu nennen, in dessen Zuge die Rufnummer 116117 als Anlaufstelle für akute Gesundheitsbeschwerden stark aufgewertet wurde. Für den stationären Sektor hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ein gestuftes System von Notfallstrukturen in Krankenhäusern beschlossen. Die Definition von Qualitätsstandards in diesem Kontext war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Der große Wurf mit Blick auf die unübersichtlichen Strukturen und Zuständigkeiten in diesem Bereich war allerdings noch nicht dabei.


Wie könnte diese Herausforderung angegangen werden?

Ein – wenn nicht der wichtigste Schlüssel – neben strukturellen Reformen ist die konsequente Umsetzung einer Patientensteuerung im Gesundheitswesen. Dieser Begriff ist leider teilweise negativ besetzt, dabei meint er nur: Die richtigen Patientinnen und Patienten zur richtigen Zeit in die richtige Versorgungsebene zu schicken. Wir können den Menschen nicht zumuten, dass sie die Dringlichkeit und den Versorgungsbedarf ihrer akuten Beschwerden immer richtig einordnen können. Deswegen müssen sie an verschiedenen Zugangspunkten in das Versorgungssystem „abgeholt“ und dorthin geleitet werden, wo sie sicher und unter möglichst effizienter Nutzung unserer Ressourcen versorgt werden können. Eine strukturierte Ersteinschätzung, wie sie an der Rufnummer 116117 etabliert wurde, ist dafür die Voraussetzung. Konsequenterweise sollte man eine ähnliche Vorgehensweise auch in Krankenhäusern, Arztpraxen, bei Hotlines oder Apps von Krankenkassen oder auch dem Rettungsdienst etablieren. Hier gibt es einige vielversprechende Ansätze, die zum Teil auch auf dem Nationalen Qualitätskongress vorgestellt werden.

Was erwarten Sie für die nahe Zukunft?

Die im Juli nach zähen und langwierigen Verhandlungen vom G-BA verabschiedete Richtlinie zur Ersteinschätzung wurde vom Bundesministerium für Gesundheit beanstandet und wird vorerst nicht Inkrafttretenin Kraft treten. Der G-BA wird dagegen klagen. Hier ist das letzte Wort also noch nicht gesprochen. Die große Notfallversorgungsreform von Bundesgesundheitsminister Lauterbach steht noch aus. Erste Eckpunkte wurden unter anderem durch die vierte Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung in diesem Jahr vorgelegt. Dabei wurde unter anderem die Etablierung integrierter Leitstellen und integrierter Notfallzentren gefordert. Ebenso wurde ein Konzept für eine Reform des Rettungsdienstes vorgestellt. Es bleibt abzuwarten, wie diese Aspekte am Ende konkret gesetzlich geregelt werden – insbesondere unter Berücksichtigung des ambulanten Sektors, der den Großteil der Akut- und Notfallversorgung schultert.