Nationaler Qualitätskongress Gesundheit
mit Livestreams
Prof. Dr. Ralf Kuhlen

Prof. Dr. Ralf Kuhlen

Konzerngeschäftsführer Medizin (CMO), Helios Health, Berlin und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats IQM, Berlin

  • 1991 Facharztausbildung Anästhesie und Intensivmedizin, Virchow Klinikum, Humboldt University Berlin 
  • 1997 Wechsel an das UK Aachen als OA Der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin
  • 2000 Habilitation in den Fächern Anästhesie und Intensivmedizin
  • 2003 Berufung zum C3 Professor für Anästhesie und Intensivmedizin
  • 2005 Chefarzt der Klinik für operative Intensivmedizin am UK Aachen, 
  • 2007 Chefarzt der Klinik für Intensivmedizin am HELIOS Klinikum Berlin Buch
  • 2008 Berufung in den Medizinischen Beirat der Helios Kliniken 
  • 2010 Konzerngeschäftsführer Medizin der Helios Kliniken 
  • 2017 Mitglied des Management Boards der Quironsalud Gruppe, Madrid
  • 2018 Medizinischer Geschäftsführer der Helios Health 

    Wissenschaftliche Aktivtäten
  • Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der “Initiative Qualitätsmedizin (IQM)” 
  • Mitglied des QSR Beirats des Wissenschaftlichen Instituts der AOK 
  • Mitglied des Beirats des sächsischen Inkubators für klinische Translation (SIKT)
  • CEO Leipzig Heart Institute (LHI, 2015-2018)
  • CEO Helios Health Institute (HHI; 2018 - heute)


Drei Fragen an Prof. Dr. Ralf Kuhlen
 

Wo stehen Deutschlands Kliniken beim Thema Qualität?

Prof. Ralf Kuhlen: Eine Antwort auf diese Frage ist für einzelne Kliniken zum heutigen
Zeitpunkt nicht einfach zu finden, da keine wirklich durchgängigen, datenbasierten
Messungen durchgeführt wurden oder werden. Für die Summe der Kliniken in unserem
Gesundheitssystem wissen wir aber aus internationalen Vergleichen: Das deutsche
Gesundheitssystem hat sehr viele gut und einfach erreichbare Krankenhäuser. Diese
ausgeprägte Infrastruktur vorzuhalten, ist allerdings finanz- und ressourcenintensiv. Aus
zahlreichen Studien wissen wir zudem, dass viele, vor allem komplexere Behandlungen
bessere Ergebnisse zeigen, wenn sie an spezialisierten und gut ausgerüsteten Zentren mit
relevant hohen Fallzahlen gemacht werden. Die Kombination aus sehr breiter Infrastruktur
mit aber nur wenig differenzierten Behandlungsspektren mag Teil der Erklärung sein,
weshalb Deutschland im Vergleich zwar ein sehr gut erreichbares Gesundheitssystem hat, bei
Effektivität und Effizienz der Versorgung international aber eher mittelprächtig abschneidet.


Wie lässt sich die Qualität steigern und messen?

Prof. Ralf Kuhlen: Um Qualität steigern zu können, muss sie zuallererst einmal messbar sein.
Der einfachste Weg hierzu ist die Messung der sogenannten Strukturqualität, also der
strukturellen Voraussetzungen der Krankenhäuser: existiert beispielsweise ein 24 Std.
Bereitschaftsdienst für Notfälle, ein 24/7 verfügbarer Herzkatheter gibt es MRT- oder CTDiagnostik
oder auch die zu jedem Zeitpunkt fachlich besetzte Intensivstation? Fehlen derlei
strukturelle Voraussetzungen, können Leistungen, die eben genau diese Struktur benötigen,
sicher nicht in durchgängig exzellenter Qualität erbracht werden.
Ob allerdings erfüllte Strukturvoraussetzungen tatsächlich immer mit einem qualitativ
erstklassigen Prozess und letztlich wirklich guten Behandlungsergebnissen verbunden sind,
ist seit Jahren Gegenstand kontroverser Diskussionen mit Beispielen dafür sowie dagegen.
IQM hat sich zur Aufgabe gemacht, die Behandlungsqualität mit Indikatoren zu beschreiben,
die aus vorhandenen Daten definiert wurden, die Krankenhäuser zur Abrechnung der DRGs
ohnehin dokumentieren. Diese Indikatoren werden seit mittlerweile mehr als 15 Jahren
praktisch angewandt, auf Tauglichkeit geprüft und ständig angepasst. Die bei IQM
verwendeten Indikatoren werden mit den Mittelwerten aller deutschen Akutkrankenhäuser
verglichen, die wir eigens hierzu berechnen. Sobald Werte deutlich vom Referenzwert
abweichen, gelten diese als auffällig und werden überprüft. Um eine Qualitätsverbesserung
zu erreichen, werden auf Basis dieser Überprüfung der IQM Indikatoren sogenannte Peer
Reviews durchgeführt. In den Peer Reviews besuchen sich Fachleute aus verschiedenen
Krankenhäusern gegenseitig und verfolgen anhand beispielhafter Patientenakten den
Behandlungsprozess, leiten konkrete Verbesserungspotentiale ab und entwickeln mit dem
Behandlungsteam vor Ort umsetzbare Lösungsansätze. Die große Akzeptanz des Verfahrens
in unseren mehr als 500 Mitgliedskrankenhäusern zeigt, dass Qualitätsmessung mit dem Ziel
der konkreten Verbesserung ein echtes Anliegen von vielen Krankenhäusern ist.


Das zentrale Versprechen der Krankenhausreform ist die Verbesserung der Qualität.
Was ist Ihre Erwartung an die Reform?

Prof. Ralf Kuhlen: Grundlage der aktuellen Reformbemühungen ist die Einsicht, dass es bei
der Vielzahl der Krankenhäuser auch heute schon deutlich unterschiedliche
Behandlungsqualitäten gibt, was sich im Zuge des demografischen Wandels und dem daraus
resultierenden Fachkräftemangel weiter zuspitzen wird. Dass im Rahmen der
Reformbemühungen die zukünftige Versorgung in Versorgungsstufen und Leistungsgruppen
eingeteilt wird, die sich vornehmlich an der erwähnten Strukturqualität orientieren, ist
insbesondere aufgrund der einfachen Mess- und Überprüfbarkeit nachvollziehbar.
Wünschenswert wäre jedoch, dass in der weiteren Entwicklung dieser Reformeinteilungen
auch Indikatoren der Prozess- und vor allem der Ergebnisqualität eine relevante Rolle spielen.
Wir sollten die Qualität und nicht die einfache Durchführung einer Behandlung zum Fokus
unseres Gesundheitssystems machen - nur so kann ein nachhaltiger Wandel hin zu einer
qualitativ hochwertigen Medizin etabliert werden.